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Der Fluch des Siegers - warum WM-Gewinner in der Zeit nach dem Titel häufig den Erwartungen nicht entsprechen

Beitrag vom 22.04.2015 16:45 Uhr

Nach dem Triumpf bei der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien kehrt für das Team rund um Weltmeistertrainer Joachim Löw der Alltag im Länderspielkalender zurück. Das erste Spiel nach dem Titelgewinn hat die Nationalelf ohne die zurückgetretenen Spieler Philipp Lahm, Per Mertesacker und Miroslav Klose bestritten. Diese Rücktritte stehen für eine (kleine) Zäsur, dies ist nach großen Turnieren nicht nur bei der Nationalmannschaft ein typischer Ablauf. Auch in anderen Ländern markieren Weltmeister- und Europameisterschaften häufig das Ende einer über Jahre zusammengewachsenen Mannschaft, im besten Fall leitet der Neubeginn eine Ära mit weiteren Titelgewinnen ein.

Dies ist jedoch nicht der Regelfall: In diesem Beitrag wird anhand von Beispielen aus der Geschichte des Fußballs aufgezeigt, dass die bei einem großen Turnier siegreichen Mannschaften häufig die künftigen Erwartungen nicht erfüllen können. Zudem wird erläutert, worin die Gründe für den nach Umbrüchen häufig holprigen Start liegen.

Land

Jahr

Titelgewinn

Bilanz nach Titelgewinn

Frankreich

1998

Weltmeister

· Zwei Unentschieden in den ersten beiden Spielen nach dem Gewinn der WM.

· Bilanz bis zum Triumpf bei der EM 2000: 27 Spiele, davon 20 Siege, fünf Remis und zwei Niederlagen.

Italien

2006

Weltmeister

· Bis zur EM 2008: 13 Siege, je fünf Unentschieden und Niederlagen.

· Danach zehn Siege aus 27 Spielen nach der EM 2008.

· Aus in der Vorrunde bei der WM 2010.

Spanien

2010

Weltmeister

· Drei Siege, ein Remis und zwei Niederlagen aus den ersten sechs Spielen nach dem Gewinn der WM 2010.

Tabelle 1: Bilanz von Fußball-Weltmeistern nach dem Titelgewinn, Datenquelle: www.aktives-abseits.de

1. Italien – Kein Umbruch nach Titelgewinn

Die Erinnerung an die Ereignisse im Halbfinale der Weltmeisterschaft 2006 zwischen Italien und Gastgeber Deutschland sind auch nach knapp neun Jahren beim Großteil der deutschen Fußball-Fans präsent. Italien siegt nach Verlängerung und wird nach dem Erfolg gegen Frankreich Weltmeister.

In die darauffolgende EM-Qualifikation starten die Italiener jedoch nicht so erfolgreich. Ein Unentschieden und eine Niederlage heißt es nach zwei Spielen, danach indes gab es in zehn Spielen neun Siege. Italien qualifizierte sich souverän für die EM 2008. Dort war im Viertelfinale Schluss, bei der WM 2010 kam das Ausscheiden bereits in der Vorrunde.

Italiens Nationalelf hat es nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft versäumt, einen personellen Umbruch zu vollziehen. Die Auftritte des Teams waren zu behäbig, dies lag auch am hohen Durchschnittsalter der Mannschaft, viele Spieler waren über 30 Jahre alt. Im Spiel fehlte es an Geschwindigkeit, kreative und überraschende Ideen waren so gut wie nicht vorhanden.

Zwar konnte die „Squadra Azzura“, so der Spitzname von Italiens Nationalmannschaft, bei der Europameisterschaft 2012 ins Finale einziehen, dort gab es jedoch eine deutliche Niederlage gegen die Spanier. Italiens Spielidee hat sich in den Jahren nach dem WM-Triumpf 2006 kaum weiterentwickelt. Mittlerweile ist der personelle Umbruch vollzogen worden, doch ist Italien aktuell nicht so stark einzuschätzen wie die anderen großen Fußballnationen.

Italiens Nationalmannschaft

Abbildung 1: Italiens Nationalmannschaft hat den personellen Umbruch erst Jahre nach dem Gewinn der WM 2006 vollzogen.

2 .Frankreich – Mini-Krise und einige Jahre später der große Knall

Nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1998 erlebte die französische Nationalmannschaft eine kleine Krise und qualifizierte sich erst spät für die Europameisterschaft im Jahre 2000, die sie letzten Endes gewann. Eine größere Krise setzte in den folgenden Jahren ein, die während der WM 2010 in Südafrika im schlechten sportlichen Abschneiden sowie in den Schlagzeilen abseits des Spielfeldes ihre negativen Höhepunkte fand.

2.1 Chronologie der Ereignisse vor und während der WM 2010

Nach einer mäßigen Qualifikation qualifizierte sich Frankreich eher glücklich für das Turnier in Südafrika. Das Aus in der Vorrunde wurde überschattet von den Ereignissen vor und vor allem während des Turniers. Einige Monate vor Turnierbeginn gelangte ein Skandal an die Öffentlichkeit. Drei französische Nationalspieler sollten Kontakt zu teilweise minderjährigen Prostituierten gehabt haben. Sportliche Leistungen sollten den Skandal überdecken, es kam jedoch anders.

Nach den ersten beiden Spielen – ein Unentschieden sowie eine Niederlage – demontierte sich die französische Mannschaft selbst. Auslöser war die Beschimpfung des damaligen Nationaltrainers Raymond Domenech durch den Spieler Nicolas Anelka. Gegen den vom französischen Verband verhängten Ausschluss Anelkas regte sich Widerstand in der Mannschaft, einige Spieler aus dem Team boykottierten das Training. Während eines Trainings gerieten Kapitän Patrice Evra und Fitnesstrainer Robert Duverne in einen Streit, das Training wurde abgebrochen. Team-Manager Jean-Louis Valentin trat daraufhin zurück.

File:Nicolas Anelka equipe de France.jpg

Abbildung 2: Frankreichs ehemaliger Nationalspieler Nicolas Anelka war einer der zentralen Figuren im Skandal während der WM 2010.

2.2 Reaktionen von Politik und Öffentlichkeit

Medien und Öffentlichkeit sprachen von einer Schande und einem skandalösen Auftreten. Französische Politiker kritisierten die Geschehnisse scharf, die Sportministerin Roselyn Bachelot verlängerte auf Anordnung des damaligen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy ihren Aufenthalt in Südafrika und berief ein Krisentreffen zwischen Spielern, Trainer und Funktionären ein. Das Ausscheiden in der Vorrunde konnte trotzdem nicht verhindert werden, zudem hatten die Ereignisse Frankreichs Ruf geschadet.

Vor dem Beginn der Weltmeisterschaft stand bereits fest, dass Laurent Blanc Nachfolger von Raymond Domenech wird. Letzterer hatte als Trainer seit seinem Antritt 2004 von Anfang an einen schweren Stand bei den Fans und Medien. Unter seinem Nachfolger Blanc hat sich die Lage beruhigt, Frankreichs Nationalelf zog bei der WM 2014 ins Viertelfinale ein, dort scheiterte sie am späteren Weltmeister Deutschland.

Oberstes Ziel ist ein gutes sportliches Abschneiden bei der Europameisterschaft 2016 im eigenen Land sowie das Ausbleiben weiterer Skandale.

3. Spanien – Ende einer Erfolgsgeschichte und Neubeginn

3.1 Die goldene Generation - Weltmeister 2010 und Europameister 2012

Nach dem Gewinn des WM-Titels 2010 hatte Spanien keine Schwierigkeiten in der Qualifikation für die Europameisterschaft 2012. Es folgte ein Durchmarsch durch die Quali-Gruppe – acht Spiele, acht Siege. Das Team von Trainer Vicente del Bosque gewann die Gruppe souverän, am Ende stand ein Torverhältnis von 26:6 Toren zu Buche. Ebenso souverän gestalteten die Iberer die Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine. Im Finale wurde Italien deutlich mit 4:0 geschlagen.

hSpaniens Nationalelf wurde 2012 Europameister

Abbildung 3: Spaniens Nationalelf wurde 2012 Europameister.

3.2 Böses Erwachen bei der Weltmeisterschaft 2014

Das böse Erwachen folgte für Spanien jedoch bei der Weltmeisterschaft 2014. Die Konsequenz nach den Niederlagen gegen die Niederlande (1:5) und Chile (0:2) war das überraschende Aus in der Vorrunde. Spanien war in dem entscheidenden Spiel gegen die Chilenen in vielen Belangen überlegen, hatte wie so häufig mehr Ballbesitz, mehr erfolgreich gespielte Pässe und gewann mehr Zweikämpfe. Dies reichte jedoch nicht gegen die ausgezeichnete Mannschaftsleistung Chiles mit seinem aggressiven Pressing und dem schnellen Umschaltspiel. Bereits auf der Pressekonferenz nach dem Spielende erklärte Spaniens Nationalcoach Del Bosque, dass das frühere Ausscheiden Konsequenzen nach sich ziehen werde.

Del Bosque hatte das Team nach den beiden Titelgewinnen nahezu nicht verändert, viele Experten hatten dem Trainer vorgeworfen, zu sehr an den altbewährten Spielern festzuhalten, anstatt auf „frische“, hungrige Spieler zu setzen, z.B. Isco oder Daniel Carvajal. Das Kalkül des Trainers war, dass die gestandenen Spieler die fehlenden spielerischen Ideen der jüngeren Spieler kompensieren würden und in den entscheidenden Situationen aufgrund ihrer Erfahrung eher die richtigen Entscheidungen treffen würden als die unerfahrenen Akteure. Zudem wurde gehofft, dass sich der Respekt, den sich die spanische Nationalmannschaft durch die jahrelange erfolgreiche und dominante Spielweise verschafft hatte, als Vorteil erweisen würde. Wie sich herausstellte, ging dieses Kalkül nicht auf.

Die WM 2014 war für viele Spieler der „goldenen Generation“ die letzte Chance auf einen Titel mit der Nationalelf, der personelle Umbruch im Vorfeld war bereits beschlossene Sache. Junge Spieler wie Torwart David de Gea, die Mittelfeldspieler Koke und Thiago Alcántara sowie die bereits erwähnten Isco und Carvajal bilden das neue Grundgerüst der Mannschaft. Der spanische Verband setzt beim Neuanfang indes auf den alten Trainer Vicente del Bosque. Er bekommt bei der EM 2016 die Chance, die Schmach der letzten WM zu korrigieren. Der Neuanfang für Spaniens Nationalmannschaft verläuft aktuell jedoch noch etwas holprig.

4. Deutschland – Weltmeister 2014: Wie geht’s weiter?

4.1 Erste Spiele der Nationalmannschaft nach Titelgewinnen

Die deutsche Nationalmannschaft hat eine positive Bilanz für das erste Spiel nach einem Titelgewinn vorzuweisen. Nach den bisherigen sieben Titeln – viermal Weltmeister, dreimal Europameister – konnte die Nationalelf vier Siege erringen, einmal spielte sie Unentschieden, zudem gab es zwei Niederlagen. Die erste Niederlage gab es nach dem Gewinn des Weltmeistertitels 1954, das als „Wunder von Bern“ in die Geschichte einging. Gegen Belgien unterlag das DFB-Team knapp drei Monate nach dem Titelgewinn mit 0:2. Die zweite Niederlage ist nicht lange her, sie folgte auf den jüngsten Gewinn des Weltmeistertitels 2014 in Brasilien. Das Testspiel gegen den gleichen Gegner wie im Finale der WM, Argentinien, verloren die Spieler um Nationaltrainier Joachim Löw mit 2:4 Toren.

Jahr

Titelgewinn

Erster Gegner nach Titelgewinn

Ergebnis

1954

Weltmeister

Belgien

0:2

1972

Europameister

Schweiz

5:1

1974

Weltmeister

Schweiz

2:1

1980

Europameister

Schweiz

3:2

1990

Weltmeister

Portugal

1:1

1996

Europameister

Polen

2:0

2014

Weltmeister

Argentinien

2:4

Tabelle 2: Erste Spiele der deutschen Nationalmannschaft nach Titelgewinnen.

Den ersten Sieg nach einem Titeltriumph verbuchte die Nationalmannschaft 1972 als damals amtierender Europameister gegen die Schweiz. Übrigens: Bei diesem Spiel schickte der damalige Bundestrainer Helmut Schön exakt dieselbe Elf auf das Spielfeld, die zuvor im EM-Finale gegen die Sowjetunion erfolgreich war. Ebenfalls gegen die Schweiz spielte das DFB-Team das erste Spiel nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1974, wiederum ging die Nationalelf als Sieger hervor. Das Endergebnis lautete 2:1 für Deutschland, genau wie zuvor im WM-Finale gegen die Niederlande. Getreu dem Sprichwort „Alle gute Dinge sind drei“ trat die Nationalelf 1980 als frisch gekürter Europameister zum dritten Mal in Folge nach einem Titelgewinn gegen die Schweiz an. Endergebnis: 3:2 für Deutschland. Das bisher einzige Unentschieden im ersten Spiel nach einem Titelgewinn bei einem großen Turnier gab es nach dem Gewinn des WM-Titels 1990 beim 1:1 gegen Portugal. Nach dem dritten Triumpf bei einer Europameisterschaft 1996 feierte die Nationalmannschaft im ersten Länderspiel einen 2:0 Erfolg gegen Polen. Jürgen Klinsmann und Oliver Bierhoff, der zwei Monate zuvor im EM-Endspiel gegen Tschechien das erste „Golden Goal“ in der Geschichte des Fußballs erzielt hatte, schossen die Tore.

Nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 wird es in der deutschen Nationalmannschaft zu Veränderungen kommen

Abbildung 4: Nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 wird es in der deutschen Nationalmannschaft zu Veränderungen kommen.

4.2 Kein radikaler Umbruch nach der WM 2014

Der Trainer der deutschen Nationalmannschaft, Joachim Löw, muss nach dem WM-Titel keine großen Umbaumaßnahmen vornehmen, dennoch befindet sich die Mannschaft im Umbruch. Wie in der Einleitung erwähnt, sind einige Leistungsträger zurückgetreten. Hinzu kommen zahlreiche verletzte Spieler und einige Akteure, die sich im Formtief befinden.

Im ersten offiziellen Wettbewerbsspiel nach dem Gewinn des Weltmeistertitels setzte es für die deutsche Nationalelf eine 0:2-Niederlage gegen Polen. Dieses Spiel ist ein typisches Beispiel für das Agieren eines Teams, das sich noch finden muss. Die Qualität ist vorhanden und wurde in Ansätzen gezeigt, jedoch griffen viele Mechanismen noch nicht, die gewohnten Abläufe wie Laufwege und Passspiel müssen erst noch erarbeitet werden. Dies zeigte sich auch in den folgenden Spielen.

4.3 EM-Qualifikation – Deutschlands schleppender Start

Nicht nur das erste Spiel nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft verlief für die Nationalelf nicht erfolgreich. Auch die weiteren Ergebnisse nach der WM waren alles andere als zufriedenstellend auf dem Weg zur Europameisterschaft 2016 in Frankreich.

Im ersten Länderspiel im Jahr 2015 gab es ein 2:2 Unentschieden gegen Australien. Große Abwehrschwächen offenbarten, dass das Experiment von Bundestrainer Löw mit einer Dreierkette nicht funktioniert hat. Doch auch nach der Umstellung auf die gewohnte Viererkette kam die eigentlich gewohnte Sicherheit in der DFB-Abwehr nicht zurück. Im bisher letzten Spiel in der EM-Qualifikation hat Deutschland seine Pflicht mit dem 2:0 Sieg über Georgien erfüllt. Aktuell liegt Deutschland auf dem dritten Tabellenplatz in der Gruppe D. Das nächste Qualifikationsspiel für die EM-Endrunde 2016 findet am 13. Juni 2015 gegen Gibraltar statt.

5. Fazit

Wenn bei einem Turnier die zuvor erfolgreichen Mannschaften die hohen Erwartungen nicht erfüllen können, werden in den Medien sowie von diversen Experten reflexartig Rufe nach einem Neuanfang laut. Dieser Umbruch kann in schleichender Form oder durch einen radikalen Schnitt vollzogen werden. Je nach Ausmaß der Neuausrichtung verändert sich das Personal der Mannschaft. Personelle Änderungen gehen häufig auch mit einer Änderung der Spielidee einher.

Die Beispiele in diesem Text haben gezeigt, dass sich keine Fußballmannschaft auf den Erfolgen ausruhen darf, sie muss sich immer wieder neu motivieren, zudem muss an den richtigen Zeitpunkten ein Umbruch erfolgen.

Bildquellen:

Abbildung 1: commons.wikimedia.org © Simo82 ( CC BY-SA 3.0 )
Abbildung 2: commons.wikimedia.org © Ouamararayan ( CC BY-SA 3.0 )
Abbildung 3: commons.wikimedia.org © Simo82 ( CC BY-SA 3.0 )
Abbildung 4: commons.wikimedia.org © Stemoc ( CC BY 3.0 BR )

 
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