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Torlinientechnik - klarere Entscheidung bei Phantomtoren

Beitrag vom 28.01.2015 14:12 Uhr

In der Partie TSG 1899 Hoffenheim gegen Bayer 04 Leverkusen köpfte Stefan Kießling (Leverkusen) nach einem Eckball knapp neben das Tor der Hoffenheimer, allerdings flog der Ball durch eine undichte Stelle im Netz ins Tor. Der Schiedsrichter erkannte den Treffer trotz Protesten der Hoffenheimer an. Kießlings (Nicht)Tor nach 70 Minuten Spielzeit war der Treffer zum 0:2, das Spiel entschied Leverkusen mit 1:2 für sich. Nach einer Sitzung entschied das Sportgericht des Deutschen Fußball Bundes (DFB), dass das Tor gültig sei, das Spiel wurde nicht wiederholt, Hoffenheim verzichtete auf Einspruch.

Dieses Phantomtor setzte eine Diskussion über die Einführung der Torlinientechnik im deutschen Profifußball wieder in Gang. Was in anderen Sportarten, z.B. beim Tennis oder American Football seit Jahren zum Einsatz kommt, wird ab der Saison 2015/2016 auch im deutschen Profifußball - zunächst allerdings nur in der Ersten Bundesliga – angewendet werden: die Torlinientechnologie. Der Begriff Torlinientechnologie oder Torlinientechnik beschreibt technische Hilfsmittel, mit denen genau geklärt werden soll, ob der Ball die Torlinie mit vollem Umfang überschritten hat und der Treffer somit gültig ist. Der Fußball-Weltverband FIFA (Fédération Internationale de Football Association) überlässt die wichtigsten Entscheidungen wie der Zeitpunkt der Einführung der Torlinientechnologie, die Finanzierung sowie die Auswahl des Systems den nationalen Verbänden. Ein Überblick über die verschiedenen Technologien und ihre Anwendung finden sich im Folgenden.

Thorsten Kinhöfer

Die Torlinientechnologie soll Schiedsrichter (im Bild Thorsten Kinhöfer) bei strittigen Entscheidungen unterstützen.

1. Welche Torlinienüberwachungssysteme gibt es bislang?

Es gibt vier von der FIFA lizenzierte Torlinien-Überwachungssysteme. Bei den ersten beiden Technologien (Cairos und Goalref) wird ein magnetisches Feld im Torraum erzeugt. Überquert der mit einem Funkchip ausgestattete Ball die Linie im vollen Umfang, wird direkt ein Signal an den Schiedsrichter gesendet. Bei den letzten beiden Systemen (Goalcontrol und Hawk-Eye) errechnen mehrere Hochgeschwindigkeitskameras die Position des Balles. In einem Computer werden die Torlinie und das Spielgeschehen aus mehreren Perspektiven aufgenommen. Der Videobeweis zeigt dann bei strittigen Situationen an, ob der Ball die Torlinie überschritten hat und der Treffer somit gültig ist.

1.1 Cairos

Bei der vom deutschen Sportartikelhersteller Adidas entwickelten Cairos-Technologie wird ein schwaches Magnetfeld von einer elektrischen Gabel erzeugt, die im Boden vergraben ist. Überschreitet der Ball die Torlinie mit dem ganzen Umfang, wird ein Signal an die Armbanduhr des Schiedsrichters mit der Info, ob es sich um einen regulären Treffer handelt, übermittelt. Der Ball wird mit Metallspulen versehen, die bei der vollständigen Überschreitung des Magnetfeldes einen Impuls aussenden.

1.2 Goalref

Das Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen entwickelte die Goalref-Technologie in Zusammenarbeit mit dem gleichnamigen dänischen Unternehmen. Zur Erzeugung des magnetischen Feldes, vergleichbar mit einem unsichtbaren Vorhang über der Torlinie, werden Antennen benutzt, die hinter den Torstangen installiert werden. Überschreitet ein mit einem Funkchip versehener Ball die Torlinie, erhält der Schiedsrichter ein Signal auf seiner Uhr.

1.3 Goalcontrol

Das System der GoalControl GmbH, ein Unternehmen aus Würselen in der Nähe von Aachen, nutzt 14 Hochgeschwindigkeitskameras, die rund um das Spielfeld angebracht sind. Binnen einer Sekunde wird an die Uhr des Schiedsrichters ein Signal übermittelt, das durch Vibration und ein optisches Signal anzeigt, ob ein Treffer erzielt wurde. Zusätzlich kann neben der Anzeige für den Schiedsrichter das System GoalControl Replay zum Einsatz kommen. Hierbei werden Animationen von strittigen Szenen in Tornähe erstellt und den Stadionbesuchern auf den Leinwänden sowie den Fernsehzuschauern am Bildschirm gezeigt. Diese grafischen Darstellungen machen sichtbar, ob ein Ball die Torlinie vollständig überquert hat.

Hawk-Eye-Kamera im Einsatz

Eine Hawk-Eye-Kamera im Einsatz bei einem Tennis-Turnier.

1.4 Hawk-Eye

Das Überwachungssystem Hawk-Eye („Falkenauge“) kommt aus Großbritannien und wurde 2011 von Sony übernommen. Bei dieser Technologie erfassen bis zu 14 unter dem Stadiondach montierte Kameras – sechs Messkameras und eine Hochgeschwindigkeitskamera pro Tor - die Position des Balles zentimetergenau. Wenn sich der Ball in Tornähe befindet, erfasst ihn jede Kamera und eine Software errechnet in Echtzeit die genaue Position des Balles. Überschreitet der Ball die Torlinie, sendet das System ein Signal an den Schiedsrichter. Die Uhr an seinem Handgelenk vibriert und blinkt, die Information „Tor“ erscheint auf dem Display. Zudem ertönt ein akustisches Signal im Funkkopfhörer des Schiedsrichters. Zusätzlich kann wie beim Tennis eine grafische 3D-Darstellung der Flugkurve des Balles auf die Leinwand im Stadion für die Zuschauer vor Ort und an den Fernsehgeräten erstellt werden. Diese Wiederholung wird von speziellen Replay-Kameras aufgezeichnet, die auf Höhe der Torauslinie angebracht sind.

https://www.youtube.com/watch?v=c_dRWmQixRU

2. Regelungen einiger Fußball-Verbände und bisheriger Einsatz technischer Hilfsmittel

In der englischen Premier League wurde die Hawk-Eye-Technologie bereits zur Saison 2013/2014 erfolgreich eingeführt. Der englische Verband ist somit der erste in Europa, der eine Torlinientechnologie einsetzt. Die Kosten für jeden Verein werden bis zum Jahr 2017 auf rund 300.000 Euro veranschlagt. In der italienischen Serie A kommen hingegen bislang keine technischen Hilfsmittel, sondern zwei zusätzliche Torrichter zum Einsatz. Bei Spielen in der niederländischen Ehrendivision schaut sich ein Video-Schiedsrichter in einem Übertragungswagen die Kamerabilder an. Bei strittigen Entscheidungen kontaktiert dieser den Hauptschiedsrichter, dies möglichst innerhalb von 15 Sekunden. Dieser Eingriff zieht eine längere Unterbrechung als bei den vorgestellten Torlinientechnologien nach sich und kommt dem Videobeweis wie beim Eishockey oder American Football gleich. In Spanien wird über das Thema Torlinientechnologie kaum diskutiert, daher gibt es zurzeit auch keine konkreten Pläne für eine Einführung.

In der Europa League ist seit der Saison 2009/2010 seitens des europäischen Verbandes UEFA (Union des Associations Européennes de Football) der Einsatz von zwei Unparteiischen auf Höhe der Torlinie neben dem Tor beschlossen worden. Ein Jahr später wurde dies auch in der Champions League umgesetzt.

Bei der Europameisterschaft 2012 kamen die zusätzlichen Torrichter erstmals auch bei einem großen Turnier zum Einsatz. Die FIFA entschied sich vor dem Confederations Cup 2013 in Brasilien für die Anwendung von Goal Control und setzte die Technik nach diesem erfolgreichen Test auch bei der Weltmeisterschaft 2014 ein. Das Eigentor von Honduras Torhüter Noel Valladares bei der Niederlage gegen Frankreich war der erste Treffer in der WM-Geschichte, der durch die Torlinientechnologie bestätigt wurde.

3. Schwachstellen der Technologien

Genau wie das menschliche Auge ist auch die Technik nicht komplett fehlerfrei. Bei der Klub-Weltmeisterschaft im Jahr 2012 testete die FIFA die Überwachungssysteme Hawk-Eye und Goalref. Beide Technologien konnten nicht vollends überzeugen. Die Toleranzgrenze bei Fehlern liegt bei der FIFA bis zu 1,5 Zentimetern, dies ist einigen nationalen Verbänden, beispielsweise dem DFB, zu viel.

Beim System Goalref ist die Schwachstelle die mögliche Störanfälligkeit des Chips im Ball. Funktioniert dieser nicht ordnungsgemäß oder geht kaputt, ist diese Technik nicht zu gebrauchen. Gleiches gilt für das Magnetfeld, das im Torraum erzeugt wird.

Bei der Kameraüberwachung müssen mindestens 25 Prozent des Balles für die Kameras sichtbar sein, um die exakte Position zu bestimmen und in die jeweilige Spielsituation einzuordnen. Die Angaben zur Sichtbarkeit des Balles sind bislang noch widersprüchlich. Des Weiteren sind kamerabasierte Systeme wie das Hawk-Eye mit hohen Kosten verbunden und aufwändig zu installieren.

4. Einführung der Torlinientechnologie in Deutschland

Das DFB-Sportgericht forderte bei seiner Urteilsverkündung bezüglich einer Wiederholung des Spieles Hoffenheim gegen Leverkusen die Einführung der Torlinientechnologie. Bei einer ersten Abstimmung im März 2014 unter den Vereinen der Ersten und Zweiten Bundesliga war die erforderliche Zweidrittelmehrheit nicht zustande gekommen. Viele Vereine aus der 2. Bundesliga sprachen sich aus Kostengründen gegen die Einführung der Torlinientechnologie aus.

Nach dem DFB-Pokalfinale zwischen Borussia Dortmund und Bayern München im Mai 2014, bei dem ein vermeintlich regulärer Treffer der Dortmunder nicht gegeben wurde, reichten die Münchener einen erneuten Antrag ein. Im Rahmen einer Mitgliederversammlung der 18 Vereine der Ersten Bundesliga im Oktober 2014 stimmten 15 Clubs in geheimer Abstimmung für die Einführung, drei dagegen. Somit wurde die notwendige Zweidrittelmehrheit erreicht. Im Rahmen eines Ausschreibungsverfahrens erhielt der Anbieter Hawk-Eye den Zuschlag, der mit der Installation und dem Betrieb des Systems ab der Saison 2015/2016 beauftragt wurde. Der wesentliche Grund für die Zusage an den britischen Anbieter ist die niedrigere Toleranzgrenze bei Fehlern im Vergleich zu den anderen Anbietern.

Das System wird jeden Verein pro Saison 135.000 Euro kosten, das sind etwa 8000 Euro pro Spiel. Ob und wann die Torlinientechnologie in der Zweiten Bundesliga eingeführt wird, ist zurzeit noch offen. In den Relegationsspielen um den Auf- und Abstieg in die Erste bzw. Zweite Bundesliga soll das System indes zum Einsatz kommen.

Ergebnis der Abstimmung über die Einführung der Torlinientechnologie in der Ersten Bundesliga, Quelle: http://www.bundesliga.de/de/liga/news/2014/torlinientechnologie-pressemitteilung.php

5. Argumente für und gegen die Einführung der Torlinientechnologie

Die Befürworter argumentieren, dass die Einführung der Torlinientechnologie eine große Hilfe für die Schiedsrichter sei und sie bei strittigen Entscheidungen entlasten würde. Somit verringere sich der ohnehin hohe Druck, der auf den Schiedsrichtern lastet.

Kritiker der Torlinientechnologie sehen in der zunehmenden Technisierung des Fußballs die Gefahr der flächendeckenden Überwachung auf andere Bereiche des Spiels, z.B. versteckte Foulspiele oder Abseitsentscheidungen. Da Emotionen und strittige Entscheidungen einen Teil der Faszination von Sport ausmachen, könnte dies bei der Einführung der Technik verloren gehen. Des Weiteren werden die hohen Kosten der Technik vor allem für kleinere Vereine als finanzielle Belastung angesehen.

Bildquellen:

Abbildung 1: commons.wikimedia.org © Northside ( CC BY-SA 3.0 )
Abbildung 2: commons.wikimedia.org © JukoFF ( CC BY-SA 3.0 )

 
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